Zwei Wege bis zum Master

Zwei Schulbänke. Zwei Wege bis zum Master. 
Und keiner davon war die eigentliche Meisterschaft.

Ich habe gerne gelernt.
Sehr gerne sogar.
Vielleicht ein bissl zu gerne, würden meine Töchter sagen.
Wobei.
Sie haben es nicht nur gesagt.
Sie haben irgendwann ein Ausbildungsverbot über mich verhängt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Joanna allerdings schon ordentlich vorgelegt: Ausbildungen, Weiterbildungen, Studium, Sozialarbeit, Sozialwirtschaft, Psychotherapie – und irgendwann auch der Master.
Sie wollte lernen, verstehen und Zusammenhänge erkennen. Und sie konnte sich durchbeißen.

Bis meine Töchter offenbar beschlossen:

Es reicht.
Keine weitere Ausbildung mehr.
Ihre Mutter hatte genug Schulen, Kurse, Seminare, Lehrgänge und sonstige Bildungsanstalten von innen gesehen.

Aus.
Schluss.
Vorbei.
Ausbildungsverbot.

Ich glaube, sie hatten dabei allerdings eine Kleinigkeit übersehen.
Sie hatten Joanna das Ausbildungsverbot erteilt.
Von Kalinka war keine Rede.
Was soll ich machen?
Regeln sind Regeln.

Also wechselte ich irgendwann die Schulbank.
Joanna hatte ihre irdische Bildungswelt.

Kalinka fand eine andere.
Meine spirituelle.

Und plötzlich saß ich wieder in Ausbildungen. Nur eben anders.

Tao Hands Practitioner.
Kuan Yin Lineage Holder.
Universal Meditation Teacher – ein Zwischenabschluss auf meinem Weg zum Soul Teacher.

Und schließlich bekam ich das Approval zum Master Teacher.
Da musste ich irgendwann selbst lachen.
Joanna hatte ihren Master.
Kalinka war auf ihrem Weg ebenfalls beim Master angekommen.

Zwei Schulbänke.
Zwei Wege bis zum Master.

Sehr praktisch.

Ausbildungsverbot erfolgreich umgangen.
Meine Töchter werden begeistert sein.
Zwei Arten zu lernen
Lange hätte ich diese beiden Bildungswege wahrscheinlich einfach getrennt erzählt.
Da mein beruflicher Weg mit Sozialarbeit, Psychotherapie und Sozialwirtschaft.
Dort meine spirituellen Ausbildungen.
Schön ordentlich.

Irgendwann habe ich allerdings begonnen, meine eigenen Schubladen wieder aufzumachen.
Denn beide Wege gehören zu mir.
Der eine macht den anderen für mich nicht wertlos.

Joanna muss ihre wissenschaftliche und fachliche Welt nicht verlassen, damit Kalinka Platz bekommt.
Und Kalinka braucht keinen wissenschaftlichen Stempel auf der Stirn, damit ich ernst nehme, was ich in meiner spirituellen Arbeit erfahren habe.

Beide Wege lehren mich etwas – nur nicht auf dieselbe Art.
Wissen gibt Sicherheit
Ich glaube, Wissen hat für mich lange einen wichtigen Job übernommen.
Eine Ausbildung hatte einen Rahmen.
Es gab Inhalte, Lehrende, Prüfungen und Kriterien.
Am Ende vielleicht ein Zeugnis, ein Zertifikat, einen akademischen Grad.
Etwas Sichtbares.

„Hier. Ich habe das gelernt.“

Damit kann Joanna gut umgehen.
Kalinkas Welt funktioniert teilweise anders.
Da gibt es ebenfalls Lehre, Praxis, Ausbildungen und Abschlüsse.
Und trotzdem führt Spiritualität mich auch in Räume, in denen ich etwas nicht sofort beweisen oder abschließend erklären kann.
Früher hätte ich solche offenen Stellen vielleicht schneller füllen wollen.
Heute dürfen manche Fragen länger offen bleiben.

Und wo ist jetzt die Meisterschaft?

Das Wort Master ist schon lustig.
Wir verwenden es für akademische Abschlüsse.
In spirituellen Traditionen taucht es ebenfalls auf.

Meisterin.
Meister.
Master Teacher.

Es klingt groß. Ein bissl ehrfürchtig vielleicht.
Und natürlich steckt in beiden Wegen Lernen, Üben, Erfahrung und Entwicklung.
Nur irgendwann wurde mir bewusst:
Meine eigentliche Selbstmeisterschaft steht auf keinem Zertifikat.

Dafür gibt es keine Abschlussprüfung.
Kein Foto mit Zeugnis.
Kein: „Herzlichen Glückwunsch, Frau Dagach. Sie haben sich selbst erfolgreich abgeschlossen.“
Wäre auch ziemlich blöd.
Was mach ich dann die nächsten Jahrzehnte?

Selbstmeisterschaft begann für mich eher dort, wo ich meine unterschiedlichen Erfahrungen und Wissenswege nicht mehr gegeneinander ausspielen musste.
Nicht alles in mir muss dasselbe wissen, gleich sprechen oder zum selben Zeitpunkt zu einer Antwort kommen.
Vielleicht liegt ein Teil der Meisterschaft genau darin: wahrzunehmen, was da ist, und mit den Widersprüchen leben zu lernen.

Das Teamzimmer

Heute gefällt mir dafür das Bild meines Teamzimmers.
Dort kann Joanna mit ihren Büchern, Fakten und Analysen auftauchen.
Kalinka bringt ihre Informationen mit.
Porte meldet sich über den Körper.
Dagach baut Brücken.
Manchmal funktionieren sie.
Manchmal fehlt ein Stück.
Manchmal gibt es gerade keinen Anschluss.
Die Königin ist trotzdem da.
Sie muss nicht erst hergestellt werden.
Selbstmeisterschaft bedeutet für mich deshalb immer weniger, alles über mich zu wissen.
Vielleicht bedeutet sie eher, meine Informationen wahrzunehmen und mich selbst ernst genug zu nehmen, ihnen zuzuhören.
Auch den widersprüchlichen.Auch denen, die gerade nicht zusammenpassen.

Zwei Master

Heute kann ich auf meinen Lebenslauf schauen und sehe zwei sehr unterschiedliche Bildungswege.
Joannas irdischer Weg führte bis zum Master in Sozialwirtschaft und Soziale Arbeit.
Kalinkas spiritueller Weg führte über ihre Ausbildungen bis zum Approval zum Master Teacher.

Beides gehört zu mir.

Ich bin froh über Joannas Schulbank.
Und ich bin froh, dass Kalinka nach dem Ausbildungsverbot meiner Töchter offenbar eine Gesetzeslücke entdeckt hat.

Nur war keiner dieser Abschlüsse für mich das Ende einer Reise.
Vielleicht waren sie eher zwei Wege zu demselben Tisch.
Und dort begann etwas, das mir heute wichtiger ist als irgendein Titel:
die eigene Meisterschaft nicht mit einem Abschluss zu verwechseln.

Zwei Schulbänke.
Zwei Wege bis zum Master.
Und keiner davon war die eigentliche Meisterschaft.

Die Reise dorthin läuft noch.
Zum Glück.
Sonst wäre es ja fad.

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